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Aktuell / Kohle

Lützerath wird zerstört und dann?

“Wir 3 Rosen sind seit Jahren aktiv gegen die unge­hemmte Ver­stro­mung von Braunkohle. Und wir sind ent­täuscht, dass auch die Regierungswech­sel in Berlin und Düs­sel­dorf nicht wirk­lich zu ein­er Befriedung der Kon­flik­te geführt haben. Wir wis­sen um die Auseinan­der­set­zun­gen in der Partei, von der alle ihre Wäh­ler durch die Regierungsver­ant­wor­tung im Bund und in NRW einen Rich­tungswech­sel erhofften.

Wir haben aber auch eine Mei­n­ung zu dem, was ger­ade hohe Wellen schlägt, die etwas quer zu dem ver­läuft, was derzeit von “Grü­nen Bash­ing” bis zu ver­bis­sener Vertei­di­gung des gewählten Kurs­es liegt. Wir wis­sen auch, dass wir als eine der zivilge­sellschaftlichen Organ­i­sa­tio­nen für die Energiewende, diese poli­tis­chen Entschei­dung­sprozesse nur äußerst begren­zt bee­in­flussen kön­nen. Den­noch möcht­en wir unsere Ein­schätzung der Lage und ihrer möglichen Entwick­lung im Fol­gen­den zu Diskus­sion stellen.”

Die 3 Rosen Position zu Lützerath

Nun prallen die Posi­tio­nen in Lützerath mit großer Vehe­menz aufeinan­der. Die Polizei set­zt das for­male Recht, das auf Seite von RWE ste­ht, gegen die Kli­maschützer vor Ort durch. Jen­seits hier­von nehmen engagierte Men­schen ihr Recht des zivilen Wider­standes wahr — mit ihrem bloßen Kör­p­er, bei Wind und Wet­ter, unter Ein­satz ihrer Gesund­heit. Die meist jun­gen Men­schen kämpfen für ihre Zukun­ft – ganz im Sinne des Urteils des Verfassungsgerichtes.

Sie kämpfen für eine Sache, die im Bewusst­sein und erst recht im prak­tis­chen Han­deln nicht nur bei der Poli­tik, son­dern auch bei den Men­schen in diesem Land vielfach noch nicht angekom­men ist.  Wir erleben seit etwa 5 Jahren eine drama­tis­che Beschle­u­ni­gung des Kli­mawan­dels — auch in Mit­teleu­ropa. Das zwingt nun zu ein­er ganz anderen Hand­lungs­dy­namik, wenn wir unser Leben noch einiger­maßen in den bish­eri­gen Bah­nen hal­ten wollen.

Dazu zählt auch, bish­er als trag­bar einzuschätzende poli­tis­che Kom­pro­misse nochmals zu über­denken. Das forderte auch der Pots­damer Kli­maforsch­er Ste­fan Rahm­storf noch am let­zten Son­ntag: “Die Poli­tik sollte sorgfältig darüber nach­denken, wie ein mas­siv­er Polizeiein­satz für Kohle und gegen Kli­maschützer im Rück­blick in 4 oder 5 Jahren beurteilt wer­den wird, wenn die Kli­maschä­den noch mas­siv­er und offen­sichtlich­er gewor­den sind. Noch ist es nicht zu spät, einen schlim­men Fehler zu ver­mei­den und die Räu­mung abzublasen!”

Denkverbote in Garzweiler und Hambach?

Abseits der glob­alen Aspek­te wird bei der Auseinan­der­set­zung um Lützerath unter­schla­gen, dass es auch andere berg­bautech­nis­che Lösun­gen gegen­ben hätte, um den wirk­lich noch erforder­lichen Kohlebe­darf zu sichern.

Hier­für müssen die Tage­baue Ham­bach und Garzweil­er als Ver­bund betra­chtet wer­den — sowohl in Punk­to Kohle­förderung als auch beim Abraum­man­age­ment. Die Verbindung existiert bere­its real durch die „Kohle­bahn“ zwis­chen den Tage­bauen und den Kraftwerken.

Im TB Ham­bach soll die Förderung bere­its 2025/2026 auf ein Drit­tel reduziert wer­den, da dann die Rest­seegestal­tung begin­nt. In ein­er Studie des DIW wurde ein Konzept unter­sucht, die jet­zige Gewin­nungs­böschung vor­rüberge­hend steil­er zu schnei­den (von 1 : 7 auf 1 : 4 oder gar 1 : 3), so wie es an der östlichen Els­dor­fer Böschung bere­its seit Jahr und Tag prak­tiziert wird. Damit wären ohne oberirdis­che Erweiterung des Tage­baus noch 100 bis 150 Mio. t Kohle zusät­zlich zu gewinnen.

Nach Ende der Förderung kann die Böschung wieder abge­flacht wer­den, sowie es an allen anderen Tage­baukan­ten geschieht, die später ein Seeufer wer­den sollen. Für die Abflachung ste­hen in Ham­bach auf der gegenüber­liegen­den Seite mehr als 1 Mrd. m³ Mate­r­i­al auf der Innenkippe südlich von der „Sophien­höhe“ zur Ver­fü­gung. Der Abraum­berg hat mit­tler­weile eine Höhe von ca. 200 m gegenüber der Umge­bung erreicht.

Dieses Mate­r­i­al zu „aktivieren“, qual­i­ta­tiv in zwei Mate­ri­alk­lassen zu separi­eren und in die Böschung wieder einzubauen, ist sich­er nicht ganz triv­ial. Jedoch kann man im Land der Inge­nieure und Wis­senschaftler auch dafür zeit­nah belast­bare Lösun­gen erwarten und diese auch ein­fordern! Dies wäre auch der Schlüs­sel zur Verkleinerung des TB Garzweil­er und zur Befriedung des Kon­flik­tes um Lützerath gewesen.

  • Die Ham­bach­bahn kann nicht nur Kohle, son­dern auch Kies und Sand nach Garzweil­er transportieren.

Klar, solche Alter­na­tiv­en wären mit größerem Aufwand und damit Kosten für den Berg­baube­treiben­den ver­bun­den. Aber an diesem Punkt fra­gen wir uns: Mil­liar­den sind an die Konz­erne im Rah­men des Kohleausstiegs­ge­set­zes geflossen und RWE machte in 2022 Mil­liar­den Übergewinne.

Warum macht die Poli­tik nicht Druck, dass die großzügi­gen Ausstiegshil­fen und die erziel­ten Übergewinne für eine andere bergtech­nis­che Vorge­hensweise einge­set­zt wer­den? Zulet­zt kön­nte auch ver­han­delt wer­den, ob für einen anderen Tage­baube­trieb staatliche Zuschüsse für geprüften Mehraufwand gewährt wer­den könnten.

  • Dies kön­nte zur wirk­lichen Befriedung der Kon­flik­te im Inter­esse der Men­schen und der Natur und mit grün­er Hand­schrift führen.

Fakten schaffen, die nicht mehr umkehrbar sind? 

Wer die Entwick­lung im Rheinis­chen Revi­er seit län­gerem ver­fol­gt, hat immer wieder erlebt, wie eine Allianz von RWE und ihnen gewo­ge­nen Lan­des­be­hör­den (Ober­bergamt und Geol­o­gis­ch­er Dienst NRW) ohne öffentliche Beteili­gung Fak­ten geschaf­fen hat.

Der gle­iche Geol­o­gis­che Dienst, der jet­zt die Stand­sicher­heit ein­er Lützerath-Hal­binsel bezweifelt, hat­te 2019 RWE die Gefäl­ligkeit erwiesen und es erlaubt bis auf 50 m an die Wald­kante in Ham­bach her­anzubag­gern. Und das Ober­bergamt hat sich auch nicht quergestellt, als in Garzweil­er im Früh­jahr 2022 die ober­ste Sohle bis auf 100 m an das Grund­stück der Land­wirtes Eckardt Heukamp vor­getrieben wurde. Wohlge­merkt: Damals war Lützerath noch ein recht­mäßig bewohntes Dorf und nach Leit­entschei­dung und Betrieb­s­plan musste ein Abstand von 400 m zu Sied­lun­gen gewahrt bleiben.

Die zivilge­sellschaftliche Organ­i­sa­tion Allianz für nach­halti­gen Struk­tur­wan­del (ANSEV e.V.) aus Ker­pen hat­te mit Fach­leuten ein Konzept entwick­elt und im let­zten Jahr in die Diskus­sion um das „Man­heimer Loch“ einge­bracht. Hier­hin wur­den Wege vorgestellt, wie durch teil­weisen Rück­bau der Abraumhalde, die erforder­lichen Men­gen zur Sta­bil­isierung der kün­fti­gen See­böschun­gen gewon­nen wer­den kön­nen, ohne noch weit­ere 600 ha frucht­bares Land und Häuser zu zer­stören. (Hin­ter­grund­in­fos: HIER Kurz­fas­sung nach­le­sen und HIER eine aus­führliche Kri­tik an den RWE Plä­nen und die Entwick­lung eines Alter­na­tivkonzeptes. Und dazu ANSCHAUEN das PDF vom Vor­trag von Hen­ry Risse bei unser­er Braunkohlever­anstal­tung 17. März 2022 in Wegberg).

Am Ende der Beschlussfas­sung zur aktuellen Erweiterung des Haupt­be­trieb­s­plan 2022 in Ham­bach kon­nte sich der Konz­ern jedoch wieder durch­set­zen, weil diesel­ben bergtech­nis­chen Gutachter wie in Lützerath — unter dem gle­ichen Zeit­druck — es nicht wagten, die Prü­fung alter­na­tiv­er Konzepte zu fordern.

Alle grü­nen Pläne zu ein­er Naturschutzs­tiftung wer­den den Ham­bach­er Wäldern und ihren natür­lichen Bewohn­ern nichts nützen, wenn die „Man­heimer Bucht“ alle Verbindun­gen zum FFH- Wald Stein­hei­de abschnei­det. Auch in Man­heim soll hier­bei bis auf 50 m an die mehrere kilo­me­ter­lange lange östliche Wald­kante herange­bag­gert werden.

Die Fol­gen für den Wald hat­te Prof. Ibisch im let­zten Jahr drastisch beschrieben und prog­nos­tiziert, dass der Wald in fünf Jahren nicht mehr zu ret­ten ist, wenn nicht jet­zt aktive Ein­griffe zu seinem Schutz erfol­gen. Das erfahren wir jedes Mal wieder, wenn wir zur Pflege unseres Waldlehrp­fades an der Ham­bi Oase vor Ort sind.

Was kommt nach der Räumung von Lützerath?

Wir machen uns keine Illu­sio­nen. Angesichts des großen Aufge­bots der Staats­ge­walt wird „Lützi“ nicht bleiben kön­nen. Auch wenn Ste­fan Rahm­storf sich an die Friedenslinde ket­ten und vor Ort ein Mora­to­ri­um fordern würde.

Wir wer­den Trauer­ar­beit leis­ten müssen. Aber wir kön­nen uns auch freuen, dass die 30 Fam­i­lien in den Feld­höfen wieder aufat­men kön­nen, und kön­nen hof­fen, dass in die nun ver­brieft geretteten fünf Dör­fer wieder Leben einkehrt und sie zu Orten mit Zukun­ft und der Erin­nerung werden.

Für den Ham­bach­er Wald ist auch noch nicht alles ver­loren. Denn in Man­heim leben immer noch Fam­i­lien, die ihre Häuser und Höfe nicht an RWE verkauft haben. Der Kampf für den Erhalt von Wald, Feld und Flur ist noch nicht zu Ende. Vielle­icht wer­den neue Waldbeschützer wieder in ver­waiste Baumhäuser einziehen oder gar neue bauen.

In diesem Sinne hof­fen wir: Der Kampf geht weit­er und wir glauben, dass die Demo vor Ort am 14. Jan­u­ar allen klar­ma­cht, dass eine starke Bewe­gung für den Kli­maschutz präsent ist und nach der Zer­störung von Lützerath nicht aufgeben wird. Das Ein­leitungs­bild dieses Beitrags, aufgenom­men von Bar­bara Schnell, ist das Siegerbild im Lan­des­fo­towet­tbe­werb 2022. Es hängt jet­zt im NRW Land­tag und erin­nert die Abge­ord­neten täglich daran, was zu tun wäre, um eine wirk­liche Kli­mawende herbeizuführen.

Aus dem veröffentlichten Bestand der Initiative übernommen. Redaktioneller Stand: 22.02.2023.